Ein kurzer Bericht aus England

Autor: Senator Ralf Holighaus

Die Menschen hier merken gerade, dass der Brexit wohl doch nicht folgenlos für sie ist, trotz Freihandelsabkommen. Ich selbst habe auch schon Erfahrungen gemacht. Ersatzteile bei ebay (Ursprung Portugal) gekauft, dann kam nach ein paar Wochen die Rechnung von UPS über Einfuhrumsatzsteuer plus Gebühren. Dito für einen bei Amazon bestellen Ersatz für eine Artemide-Leuchte, die beim Umzug beschädigt wurde. Kam aus Italien, gestern die Fedex-Rechnung über knapp £50 für Einfuhrumsatzsteuer und Gebühren. Teile aus Österreich, bestellt Anfang Dezember, sind bisher gar nicht gekommen, der Laden hat sie gleich Anfang Dezember abgeschickt, sind steckengeblieben, weil der Logistikladen alle Sendungen nach England verzögerte und dann der 30. Dezember kam. Der Laden wollte sie nochmal per Post schicken, das würde wohl funktionieren, ist aber immer noch nichts da.


Trotzdem kippt aber die Stimmung nicht, soweit ich das erkennen kann, die Menschen sind froh, das Thema Brexit endlich weg von der Agenda zu haben.


Ich lese ja nach wie vor viel deutsche Berichterstattung (FAZ, Tagesschau, WELT) und bin schon sehr erstaunt darüber, wie über angeblich leere Supermarktregale (durch den Brexit) hier geschrieben wird. Wir haben diese leeren Regale zumindest hier in den (übrigens ziemlich tollen!) Supermärkten in Swindon bisher nicht entdecken können. Im Gegenteil, die Auswahl ist überwältigend im Vergleich zu der in deutschen Supermärkten.


Dann die angeblich dramatische Situation und die schreckliche Gesundheitssituation hier mit viel mehr Fällen als in Deutschland und überlasteten Krankenhäusern.


Das Gesundheitssystem in UK ist sicherlich weniger gut ausgestattet als das in Deutschland. Die Menschen hier zahlen aber auch überhaupt keine Krankenversicherungsbeiträge, sondern nur ihre Steuern. Aber insgesamt gibt man weniger Geld aus für Gesundheit: in 2017 £2,989 pro Nase in England vs. £4,432 in Deutschland - aber £7,736 in den USA. Mehr ist also nicht immer besser, aber man kann gut mit dem Finger zeigen.


Es gibt hier insgesamt deutlich weniger Krankenhausbetten als in Deutschland (https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_hospital_beds). Die Krankenhäuser sind aber gut ausgestattet, natürlich aber nach wie vor sehr gut ausgelastet und, besonders im Großraum London (dort leben aber immerhin auch über 14 Millionen Menschen) wohl auch an ihren Grenzen anbelangt, auch, weil sie wie in Deutschland Probleme haben, genügend Pflegepersonal zu bekommen, vor allem auch für die im Frühjahr in Kongresszentren etc. geschaffenen Feldlazarette. Zumindest das Londoner Nightingale-Feldlazarett wurde am 12. Januar wieder eröffnet (https://www.independent.co.uk/news/health/nhs-nightingale-open-covid-patients-criteria-treated-b1786072.html).


Es werden in UK tatsächlich erheblich höhere Corona-Fallzahlen gemeldet als in Deutschland (die aber auch signifikant runtergehen seit ungefähr zwei Wochen), aber hier werden auch am Tag bis zu einer dreiviertel Million Tests durchgeführt (https://coronavirus.data.gov.uk/details/testing), in Deutschland knapp über 1 Million pro Woche (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Testzahlen-gesamt.xlsx?__blob=publicationFile). Wer mehr testet, findet auch mehr. Immerhin wurden hier bereits Ende Dezember knapp 8 Prozent aller positiven Tests (!) auch sequenziert. In Deutschland gibt der RKI-Präsident heute zu, die geplanten 5 Prozent der laufenden (!) Tests noch nicht geschafft zu haben.


Man hat sich auf politischer Seite (und natürlich nach ausgiebiger Beratung durch Experten) dafür entschieden, mit der zweiten Impfung bis zu 12 Wochen zu warten, um mehr Gefährdeten einen Teilschutz durch die erste Impfung zu gewährleisten und so mehr Leben zu retten. Das ist mutig, aber umstritten - führende Ärzte drängen gerade darauf, statt 12 nur 6 Wochen mit der zweiten Impfung zu warten. Es wird sehr offen kommuniziert, bin gespannt, ob man von den 12 Wochen wieder runtergeht.


Als Resultat wurden bis vorgestern bereits knapp 8 Millionen Menschen erstmals geimpft, vorgestern erneut über 400.000 (https://coronavirus.data.gov.uk/details/vaccinations). In Deutschland gerade etwas über ein Viertel davon (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Impfquoten-Tab.html). Die einfachen, verständlichen Statistiken auf coronavirus.data.gov.uk finde ich jedenfalls großartig. Alles an einer Stelle konsolidiert!


Und jetzt auch noch der „Imfstoffkrieg“. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass hier vom eigenen Versagen bzw. dem der EU-Kommission abgelenkt werden soll. AstraZeneca kann für den schleppenden, chaotischen Impfstart in der EU und Deutschland wohl kaum verantwortlich gemacht werden, ist der Impfstoff doch erst gestern zugelassen wurden in der EU.


Ich glaube, die EU war und ist zu zögerlich beim Bestellen. Vom Impfstoff Novovax, der sehr gute Ergebnisse bei allen derzeit bekannten Mutationen zeigt, hat Großbritannien bereits im August 2020 (!) 65 Millionen Dosen bestellt, die EU ist immer noch in Verhandlungen über 100 Millionen Dosen. Auch hier war man offensichtlich mutiger als die EU-Bürokraten.


Ich würde mich nicht wundern, wenn die ersten EU-Mitgliedsstaaten bald damit anfangen, die Schuld für das Impf-Chaos auf die EU zu schieben, besonders im Wahlkampf. Dann zählt Solidarität bekanntlich nicht mehr so stark...


So, das wars von England. Musste mal gesagt werden, es frustriert mich, dass in deutschen Medien so einseitig berichtet wird, als hätten sich alle abgesprochen.


Ich vermisse den Senat bereits seit Ausbruch von Corona und werde ihn weiter vermissen. Ich würde mich freuen, wenn wir im Kontakt blieben. Gerne berichte ich auf Anfrage von der Insel.


Ihr Ralf Holighaus


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